Wandern im Grand Canyon
Wandern im Grand Canyon
Vera In-Albon arbeitet bei den Schweizer Wanderwegen und ist dort für die digitale Kommunikation verantwortlich. Auch ausserhalb ihres Berufs ist sie gerne unterwegs: auf Wanderwegen, auf Reisen, mit dem Pferd, mit dem Hund oder als Musikerin auf der Bühne. Sie erzählt von ihrer Wandererfahrung im Grand Canyon.
Runter ist freiwillig, hoch ist obligatorisch
Im Grand Canyon beginnt die Wanderung mit dem einfachen Teil: dem Abstieg. Erst am nächsten Tag zeigt sich, weshalb der National Park Service eindringlich vor der Sommerhitze warnt. Dazwischen liegen eine Nachtwanderung mit Puma, ein überteuertes Frühstück und eine Siesta mit Rehen.
Vor ein paar Jahren machte ich eine Reise in den USA, wo ich den Zion, Bryce Canyon und Grand Canyon National Parks besuchte. Natürlich, wenn man schon mal dort ist, darf man es sich als Wandersfrau nicht nehmen lassen, unten im Canyon zu übernachten. Ich freute mich sehr darauf, da ich dieses Weltwunder vorher noch nie gesehen hatte. Da es August war, entschieden wir uns, am späteren Nachmittag aufzubrechen, um der Spätsommerhitze etwas auszuweichen.
Hinunter in eine andere Welt
Was wir natürlich nicht bedacht hatten: Das Licht geht im Grand Canyon schneller aus als «oben». Zum Glück hatten wir Stirnlampen dabei. Als wir auf dem sehr gut ausgebauten Bright Angel Trail nach unten wanderten, kamen uns die letzten Tagesgäste entgegen. Nicht wenige fragten uns, ob wir sicher seien, dass wir jetzt noch runter wollten. Ja, wollten wir.
Augen im Gebüsch
Merke: beim Wandern in der Nacht ist es ratsam vorne zu laufen, weil man sonst alle Mücken, die durch das Licht der ersten Person angezogen wurden, in der Fresse hat. Merke auch: beim Wandern in der Nacht bekommt man von der heimischen Fauna mehr mit als Insekten. So sahen wir nebst diesen auch Frösche (ja, tatsächlich), Schlangen, und ein Augenpaar, das aus dem Gebüsch dem Schein unserer Stirnlampen entgegenleuchtete. Ich dachte mir nichts dabei, aber als mein sonst so furchtloser Begleiter besorgt wirkte, fragte ich doch einmal nach, was das denn sein könnte. «Mountain lion», gab er zur Antwort. Also ein Puma. Das Unheimliche war, dass dieses Augenpaar immer wieder zu unserer Linken auftauchte. Es wurde mir geheissen, mich einfach normal zu verhalten. Irgendwann reichte es ihm und er warf einen Stein ins Gebüsch. Ich war bereit und gewillt, den Grand Canyon hochzurennen und erwartete den Puma mit Todesmut. Nun, das einzige, was aus dem Gebüsch sprang, war ein Hirsch.
Ein Wunder mit Ringelschwanz
Wir setzten unseren Weg fort, durchquerten im Dunkeln einen Bach in der Nähe der Havasupai Gardens und es wurde uns bewusst, dass es bis zum Bright Angel Campground bei der Phantom Ranch noch sehr weit war. Merke: beim Wandern in der Nacht läuft die Zeit langsamer als bei Tag und man braucht wesentlich mehr Konzentration. Als wir dann endlich den Colorado River hörten, machte ich innerlich drei Kreuze an die Decke. Es war nun noch ein knapper Kilometer zu wandern. Als wir an unserem designierten Zeltplatz ankamen, sah ich ein weiteres Wunder, welches sich sogleich an meinen Rucksack heranpirschte. Es war ein katzenähnliches Geschöpf mit einem langen, geringelten Schwanz und einem solch süssen Gesicht. Ich war wohl etwas übermüdet, aber komplett entzückt und meine innere Elmyra machte Freudensprünge. Mein Begleiter erklärte mir, dass man diese herzigen Kerle Ringtail nennt. Das Zelt im Dunkeln aufzuschlagen war noch die letzte Herausforderung, die wir meisterten und wir schliefen müde ein.
Das 50-Dollar-Frühstück
Um 5 Uhr weckten uns die ersten Campgenoss:innen mit ihrer grossen Klappe. Da wir einen nicht allzu schweren Rucksack wollten, leisteten wir uns das Frühstück bei der Phantom Ranch (satte 50 Dollar), und zwar das «late Breakfast», welches um 7 Uhr serviert wurde. Es war schon heiss wie in einem Backofen, deswegen hatte ich gar keinen Hunger, aber zwang mich, die drei Löffel Rührei, die trockenen Cracker, das Würstchen und die Orange (ja, 50 Dollar) mit einem Kaffee und einem Tütenorangensaft herunterzuspülen. Eigentlich wollte ich schnell los, um der Mittagshitze auszuweichen, denn: Down is optional, up is mandatory… Doch mein Begleiter hatte ein paar Mennoniten, die auf der Ranch in den Ferien waren, getroffen und löcherte sie mit Fragen. Bis wir loswanderten, war es bereits 10 Uhr.
Umgekehrt Wandern
So machten wir bereits nach dem ersten Kilometer beim Colorado River Rast und benetzten unsere Kappen und T-Shirts. Zum Glück waren wir noch auf der Schattenseite des Canyons unterwegs, denn die Sonne brannte bereits runter, als gelte es, uns wie zwei Spiegeleier zu braten. Da verstand ich auch, weshalb der NPS beim Erteilen des Permits gefragt hatte, ob wir uns vielleicht im Datum geirrt hätten, oder ob wir tatsächlich im August kämen. Ich habe sowieso schon Mühe mit heissem Wetter, aber in dieser Gluthitze zu wandern wurde zur Tortur. Ich versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber das gelang mir nicht wirklich.
Disney-Princess-Siesta
Bei den Havasupai Gardens gab es endlich Schatten und Zugang zu einem Bach. Wir beschlossen, dort zu verweilen und erst später am Nachmittag die letzte Etappe in Angriff zu nehmen. Ich hörte das muntere Bächlein gurgeln, und beschloss, mein Notfall-Red-Bull (immer dabei auf Reisen) im Wasser zu kühlen. Ich streckte mich im Schatten der weidenartigen Bäume auf meinem Mätteli aus. Es war so friedlich, dass sich Rehe näherten. Nach dieser Disney-Princess-Siesta brachen wir um 16:00 Uhr auf.
Zurück über den Tellerrand
Erst dann bemerkte ich, wie gut die Wege ausgebaut, wie leichtsinnig die Instagramer, und wie verrückt diejenigen waren, die den Grand Canyon mit bloss einem Snickers im Gepäck am selben Tag runter- und wieder hochrannten… im August. Als wir dann zum Sonnenuntergang wieder über den Tellerrand kletterten, freute ich mich über diesen Erfolg – und auf den nächsten Tag im klimatisierten Hotel.
Jetzt habe ich doch glatt vergessen zu erwähnen, wie monumental geil es im Grand Canyon aussieht. Aber darüber wurden vermutlich schon genug Superlative vergossen. Sagen wir es so: Er sieht genauso aus wie auf den Bildern.
Informationen zur Wanderung
Route: Bright Angel Trail, South Rim – Bright Angel Campground – South Rim
Distanz: rund 31 Kilometer hin und zurück
Höhendifferenz: rund 1340 Höhenmeter im Abstieg und 1340 Höhenmeter im Aufstieg
Schwierigkeit: sehr anspruchsvoll, wegen der Hitze und des langen Aufstiegs
Wichtig: Für eine Übernachtung im Canyon ist ein Permit erforderlich. Im Sommer können am Grund des Grand Canyon extreme Temperaturen herrschen.