Weiterwandern an die Grenzen Europas
Weitwanderer Jürg Schaffhuser
Der Luzerner Weitwanderer und Autor Jürg Schaffhuser hat in den letzten 35 Jahren unseren Kontinent zu Fuss erkundet. Von Luzern aus führten ihn zehn grosse Routen in zahlreichen Monatsetappen bis an Europas Ränder.
Die Luzerner Wanderwege sind Partner der Ausstellung im Gletschergarten und mit einem tollen Wettbewerb in der Ausstellung präsent. Wir haben dem Weitwanderer ein paar Fragen zum Thema Grenzen gestellt.
Interview mit Weitwanderer Jürg Schaffhuser
Luzerner Wanderwege (LWW): Während Ihrer Weitwanderungen sind Sie wohl unzählige Male über Landesgrenzen gewandert. Gibt es konkrete Erinnerungen oder Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen, welche Ihnen geblieben sind?
Jürg Schaffhuser: Meistens wandere ich beim Grenzübergang über die grüne Grenze. Oft nehme ich diese «Übergänge» kaum wahr. Die Natur kennt bekanntlich keine Grenzen. Das ist eine Erfindung von uns Menschen.
Doch es gibt auch Grenzziehungen, die sehr präsent sind. Ich denke da an die Grenzen, welche während des kalten Krieges, von Bedeutung waren. Diese Spuren sind auch heute noch gut ersichtlich. Beim Grenzübertritt von der Tschechei in die ehemalige DDR mag ich mich an eine Begegnung mit einer älteren Wirtin erinnern. Sie meinte, ihr Gasthof, welcher in unmittelbarer Nähe zum Sperrgebiet angesiedelt ist, war damals so was wie das Ende der Welt. Sie meinte, trotz sogenannter Bruderstaaten, war ein Durchkommen damals kaum möglich. Sie erzählte mir von nächtlichen Aktivitäten, Spionen und von Waghalsigen, die den Übergang trotzdem wagten.
LWW: Grenzen können faszinierend sein. Sie trennen und verbinden zugleich. Ein Schritt, und man ist in einer vermeintlich unbekannten Welt. Wie empfinden Sie Grenzen? Welche Bedeutung hatten sie während dem Wandern?
Jürg Schaffhuser: Am meisten erstaunt es mich, wie messerscharf manchmal die sprachlichen Grenzen gezogen sind. Kaum ein paar Schritte gegangen, ändert sich die Konversation fundamental. Im Gegensatz zur Mentalität der Menschen, die bleibt grenzüberschreitend ähnlich. Geprägt durch eine grosse Gastfreundschaft und mit viel Sympathie gegenüber dem zu Fuss Gehenden.
LWW: Wie sah es mit Wanderweg-Signalisation aus in den verschiedenen Ländern - gibt es da Länder, welche besonders herausfordernd oder angenehm zu erwandern waren? Wir sind da in der Schweiz sehr verwöhnt...
Jürg Schaffhuser: Als Schweizer wächst man mit den Wanderwegbeschriftungen auf. Die Signalisation gehört zu unserer DNA, wie die Toblerone Schokolade. Alles schön einheitlich und grafisch gepflegt umgesetzt. Ich als Grafiker schätze das natürlich. In Frankreich gibt ebenfalls ein weiterverzweigtes Wanderwegnetz die «Grande Randonnée». Zusätzlich findet man in den kleinsten Dörfern tolle und günstige Unterkünfte für die Wandernden. Seit ein paar Jahren haben verschiedene Länder Anstrengungen unternommen die Wanderwege besser zu markieren. Und mit den digitalen Apps verfügt man heute sowieso über eine gute Orientierung.
LWW: Grenzen können auch körperlicher oder geistiger Natur auftreten beim Wandern. Wie und wie oft sind Sie an Ihre eigenen Grenzen gestossen?
Jürg Schaffhuser: Es ist wichtig zu wissen, wo die eigenen Grenzen liegen. Nach 25'000 zurückgelegten Kilometer habe ich auch gewisse Erfahrungen damit gemacht. Meistens kann man sich auf die eigene Intuition verlassen. Aber natürlich gab es auch heikle Situationen. Dazu würde ich Hundeattacken ganz oben platzieren.
LWW: Gemeinsam mit dem SAC führen unsere geführten Wanderungen in diesem Jahr in 26 Etappen einmal um den Kanton Luzern. Für Sie würde dann wohl eher eine Umrundung Europas in Frage kommen...?
Jürg Schaffhuser: Die Wahrheit liegt dazwischen. Ich bin tatsächlich gerade mit der Umrundung der Schweiz beschäftigt. Noch fehlen mir einige Etappen.
LWW: Herzlichen Dank und weiterhin unvergessliche Wanderungen!