Die Schaffer im Steinibachwald

Der neue Bautrupp der Luzerner Wanderwege trotzt in Horw dem Wetter und leistet eine Woche freiwillige Arbeitseinsätze. Ein Erlebnisbericht.

 

Wandervorschlag zum neuen Wegabschnitt

 

Zuerst war da der Regen. Frühmorgens, kühl und unerbittlich. Die ganze Woche geht das schon so auf meinem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad. Nur radle ich heute statt ins trockene Büro an den Steinibachwald nördlich des Schwendelbergs in Horw. Die Regenkleider lasse ich gleich an, sie dienen fortan auch als Schutz gegen den Morast. Unter einer provisorisch gespannten Plane schnüren sich drei Frauen und ein Mann die Bergschuhe. Adrian Wüest, Projektleiter der freiwilligen Arbeitseinsätze für den Verein Luzerner Wanderwege, steht ausserhalb im mittlerweile noch leichten Nieselregen. «Sein» neu gegründeter Bautrupp startet in den vierten Tag.

Die Stimmung ist ruhig und gelassen. Ich erlaube mir nur einen schüchternen Kommentar zum Wetter. Dies scheint mir hier lediglich eine Randnotiz wert. «Natürlich wäre Sonnenschein schöner. Aber ich denke jeden Morgen, dass die Regenprognosen vielleicht doch nicht zutreffen», sagt Beata. Sie ist Adrians Mutter, wohnt ganz in der Nähe und packt gemeinsam mit Hans-Rudolf, Adrians Vater an. Ein Familienprojekt also? «Wir sind seit der Planungsphase begeistert vom Projekt. Da wir neuerdings pensioniert sind, springen wir gerne als Joker ein, wenn ein paar helfende Hände fehlen», sagt Hans-Rudolf.


Oben: Projektleiter Adrian Wüest zeigt die schwierigen Stellen. Unten: Adrians Eltern beim Treppenbau.


Unbürokratische Zusammenarbeit mit der Gemeinde 

Nach einer kurzen Tagesplanung werden Schaufel, Pickel und Wiedehopfhaue – das Wegbauwerkzeug – geschultert. Über rutschige, stellenweise matschige Stufen geht es zu den «Baustellen» vom Vortag. Adrian braucht die Problematik nicht lange zu erklären. Auf dem steilen Wanderweg gelingt der Aufstieg trotz gutem Schuhwerk kaum ohne Ausrutscher. Schuld ist nicht nur der nasse Boden. Viele Treppenstufen sind in grossen Abständen in den wurzeligen Boden eingeschlagen. Auf dem glatten Rundholz auftreten, ist keine Option. Die eigentlichen Stufen gleichen sumpfigen Löchern, welche von Wanderer schätzungsweise unter 1.70 Metern nur schwer zu ersteigen sind. «Ein veritabler Hindernislauf. Solche Stellen abwärts zu gehen, ist meist noch kniffliger», sagt Adrian und erklärt das weitere Vorgehen: «Einerseits umgehen wir die steilsten Stellen mit flacheren Schlaufen. Wir legen sie in das natürliche Gelände. Keine einfache Aufgabe im lehmigen Untergrund, der sich ständig bewegt. Andererseits bedingen Sturmschäden vom Herbst 2019 neue Stufen an den Tothölzern vorbei.»

Letztere Arbeiten standen auf der Pendenzenliste der Gemeinde Horw. Selbstredend stösst der für die Gemeinde kostenlose Freiwilligeneinsatz auf Wohlwollen. Im Gegenzug ist die behördliche Unterstützung tatkräftig und unbürokratisch. Silas Wobmann, der stellvertretende Leiter Tiefbau, lässt es sich trotz garstigen Bedingungen nicht nehmen, den Fortschritt der Arbeiten persönlich zu besichtigen und den freiwilligen Einsatzkräften zu danken: «Die neuen, sicheren Wege sind ein grosser Mehrwert für die Horwer Bevölkerung und alle Wanderer der Region. Diese Wegbauten übersteigen unsere Möglichkeiten und wir sind froh um die Lösung mit dem Bautrupp.»


Bautrupp-Einsatz Horw

Fotos: Ramona Fischer


Eine Woche «Ferien» 

Zurück an die Arbeit. Vogelgezwitscher schwingt über leisem Rauschen und Tröpfeln im frühlingshaften Laubwald. Die körperliche Betätigung wärmt angenehm. Leicht wähnt man sich in einem tropischen Regenwald. Manchmal schweifen die Gedanken ab, dann wieder unterhält man sich angeregt mit den neu kennengelernten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sei es über die Freude in der Natur zu sein, wo man gerade im Leben steht oder was einen bewegt. Manchmal mitten im Satz unterbrochen, um auf eine unebene Stelle zu weisen, die noch ausgebessert werden muss oder um die ideale Wegführung zu besprechen.

«Adrian lässt uns machen und kommt vorbei, wenn wir Hilfe benötigen. Seine ruhige Art und sein Vertrauen in uns sind bemerkenswert», berichtet Annelies. Sie wohnt momentan im Tessin und hat extra für diesen Freiwilligeneinsatz eine Woche Ferien eingeplant, feiert sogar ihren Geburtstag im Steinibachwald. «So etwas wollte ich schon lange machen. Ich bin sehr oft auf den Wanderwegen unterwegs. Jetzt kann ich endlich etwas zurückgeben.» Die Physiotherapeutin lässt keinen Zweifel daran, dass sie die körperliche Arbeit am vierten Tag spürt. «Aber es ist ein gutes Gefühl. Ich geniesse den Kontrast zu meinem Alltag und es macht Spass, am Abend so tolle Resultate zu sehen. Eindrücklich, was fünf Leute gemeinsam hinkriegen», resümiert Annelies. Am Mittag facht sie jeweils das Feuer für die Suppe oder einen Cervelat an. Der Regen macht heute pünktlich Pause, wenigstens für eine halbe Stunde.


Die Kunst des Wegbaus

Es ist ein lockeres Zusammensein. Eine herrlich unkomplizierte Atmosphäre. Da passt der trockene Humor von Waltraud perfekt. Nach einer spitzen Bemerkung in Richtung Annelies, schiebt sie schnell ein «du kennst mich ja» hinterher, lächelt und widmet sich wieder dem Ausbau einer Wasserrinne. Akribisch und gewissenhaft. Die kürzlich pensionierte Wanderin arbeitete in einem Gartencenter und kennt sich mit Pflanzen, Humus und Werkzeugen aus. «Endlich habe ich die Zeit, beim Wegbau mitzuhelfen. Das Angebot kam genau richtig. Wenn es wieder trocken ist, kehre ich zurück und wandere von hier Richtung Pilatus», freut sich Waltraud. Seit 12 Jahren ist sie Mitglied bei den Luzerner Wanderwegen, erkundet immer neue Routen im Kanton Luzern und darüber hinaus. Es sei ihr wichtig, auf sicheren Wegen zu gehen. Wie aufwändig es ist, einen komfortablen Weg zu bauen, erlebt sie nun hautnah. «In Zukunft wandere ich bestimmt mit anderem Blick. Gute, möglichst naturbelassene Wege sind eine Kunst.»


Eine Kunst, die sich auf präzise Berechnungen stützt. Adrian, der eben vom Zusägen und Spalten von Pfosten und Tritten zurückkehrt, erklärt: «In diesem Gelände sind Pfade mit etwa fünf Prozent talseitigem Gefälle ideal, damit das Wasser zügig abfliessen kann. Bei den Treppen verhält es sich etwas komplizierter. Mit einer Gleichung berechnen wir die Stufentiefe und -höhe in Abhängigkeit der Hangneigung.» Im Augenwinkel beobachtet der Ingenieur seine Eltern, wie sie mit dem Doppelmeter die hier erforderlichen 42 cm für den nächsten Tritt abmessen. «Es gibt noch viel zu tun am Schwendelberg. Dank weiteren Einsätzen mit Firmen können wir bei hoffentlich trockenem Wetter weitermachen», sagt Adrian mit einer ausschweifenden Handbewegung und macht sich auf, vom Materialdepot weitere Hölzer zu holen.

 

Text: Ramona Fischer

Bericht im Blickpunkt Horw (August 2020, Nr. 150)

Der Bautrupp der Luzerner Wanderwege verpflegt sich regional durch die Unterstützung von Migros-Kulturprozent.